Industrie 4.0 – warum so engstirnig?

30. Oktober 2015 QRC Group Oberhaching

PLM Search Spektrum: PLM Anbieter, PLM Endkunden, Industrie 4.0/IoT Die Produkte der Zukunft werden intelligent, kommunikativ und individuell sein – soweit ist man sich weltweit einig. Doch was das bedeutet und welche Schwerpunkte man setzen sollte, unterscheidet sich doch sehr von Land zu Land. Während im Maschinenbauland Deutschland mit „Industrie 4.0“ die Produktion im Vordergrund steht, steht zum Beispiel in den USA das Internet der Dinge im Mittelpunkt, der Fokus ist also viel weiter gewählt.

Natürlich gibt es in den USA mit dem Industrial Internet Consortium ebenfalls eine Initiative, die sich mit den kommenden Umwälzungen in der Produktion beschäftigt. Doch muss dazu erst einmal wieder eine Industrie aufgebaut werden – in den Jahren von 2000 bis 2010 gingen in den Vereinigten Staaten nach Angaben des US-Arbeitsministeriums annähernd sechs Millionen Stellen im produzierenden Gewerbe verloren. Stattdessen wurden – meist wesentlich schlechter bezahlte – Jobs in Serviceberufen geschaffen.

Die Folge war das Abrutschen von immer mehr Menschen in das Heer der „Working Poor“ – Menschen, die teils zwei oder drei Jobs parallel haben, aber dennoch kaum genug zum Überleben verdienen. Zudem werden in stillgelegten Fabriken keine neuen Arbeiter ausgebildet, es geht also tatsächlich Wissen und handwerkliches Können verloren. Präsident Obama steuert mit einer ganzen Reihe von Initiativen dagegen und betreibt die Reindustrialisierung der USA. Zum Glück blieb in Deutschland die produzierende Industrie immer stark und Facharbeiter sind die Stütze unserer Wirtschaft – wenn auch immer schwerer zu finden.

Die Herangehensweise der beiden Ökonomien ist also ähnlich, geht aber von unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Während es in Deutschland um das Bewahren des technischen Vorsprungs und das Fortschreiben des Erfolgs in die Zukunft geht, versuchen die USA, den Erfolg der eigenen IT-Unternehmen zu nutzen, um Schwung in die Industrie zu bringen. Dies führt dazu, dass in Deutschland sehr von der Produktion her gedacht wird, in den USA dagegen die IT stärker im Vordergrund steht.

Es wäre jedoch sicherlich eine gute Idee, auch hierzulande den Blick auf die neuen Technologien zu weiten. Denn was nutzt die smarte Produktion ohne smarte Produkte? Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist eine Tatsache. Und die Massenprodukte treiben Märkte und Standards – siehe Computer, wo die preiswerten PCs und deren Prozessoren auch den Servermarkt bis hin ins High Performance Computing erobert haben und Spezialprozessoren in Nischenmärkte verdrängt haben.

Das Internet der Dinge wird kommen, es geht nur noch darum, ob Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften als Getriebene dabei sind oder als Treiber. Kurzum, es geht kein Weg an Industrie 4.0 und eben auch dem Internet der Dinge (IdD, IoT bzw. IoE Internet of Everything) vorbei – es ist nur die Frage, wo man steht, wie man es für sein Unternehmen nutzt. Ohne sauber durchdachte Strategie und Umsetzungstaktiken, die die Digitalisierung aller Lebensbereiche berücksichtigt, ist in Zukunft nichts zu gewinnen.

Nicht oder nur halbherzig auf die Digitalisierung zu reagieren, ist der beste Weg für Unternehmen, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen und damit eine nachhaltige Unternehmenswertvernichtung zu verantworten!

Unser Autor:
Dipl.-Ing. Ralf Steck
Maschinenbauingenieur und Fachjournalist. Nach dem Maschinenbaustudium suchte er nach einer Herausforderung, die Maschinenbau und IT verbindet, und fand sie im Fachjournalismus. Anfangs in einem Verlag, seit 1996 selbständig, schreibt Steck über Soft- und Hardware für die digitale Produktentwicklung – vom CAD-System bis zum 3D-Drucker. Er beschränkt sich dabei nicht auf die reine journalistische Tätigkeit, sondern konstruiert mit jedem CAD-System, das er in die Finger bekommt, und druckt die Bauteile auf seinem selbstgebauten 3D-Drucker – das bringt tiefe, praxisorientierte Erfahrung. Ein weiteres Interessenfeld sind moderne Medien in jeder Form. Er bloggt auf www.EngineeringSpot.de und ist auf allen relevanten Social Media-Plattformen vertreten, seine Website findet sich unter www.Die-Textwerkstatt.de.

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